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Kleine Oberauer Ortschronik
Der Ort Oberau , um 750 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt, hat nicht nur viele landschaftliche Schönheiten, sondern bietet auch dem geschichtlich Interessierten einige, zum Teil wenig bekannte Sehenswürdigkeiten.

Ein erster kleiner Rundgang durch den Ort zeigt dies.

Beginnen wir am Haus Hauptstraße Nr. 7. An dem ehemaligen Bauernhaus, dessen Fassade Gott sei Dank in den letzten Jahrzehnten bewahrt wurde, erinnert eine Gedenktafel an den Geistlichen Rat Joseph Aloys Daisenberger, der hier am 30. Mai 1799

als Sohn des Bauern Michael Daisenberger geboren wurde. J. A. Daisenberger hat sich nicht nur als Gestalter der Oberammergauer Passionsspiele große Verdienste erworben, sondern war auch ein begabter Dichter und Historiker. Dem gütigen und toleranten Menschen Daisenberger hat der Dichter Ludwig Thoma, dessen Vorfahren mütterlicherseits ebenfalls aus Oberau stammen, in seinen "Erinnerungen" ein unvergängliches Denkmal gesetzt.

Der Vater und der Großvater Daisenbergers führten von 1765 bis 1797 ein Tagebuch, für Bauern des 18. Jahrhunderts ganz und gar ungewöhnlich, und schufen damit ein einzigartiges Dokument bäuerlichen Lebens in längst vergangenen Zeiten.

Schließlich lebte in dem Bauernhaus von 1772 - 1777 auch der Knecht Johann Georg Prändel, der es nach seinem Weggang von Oberau in einer ungewöhnlichen Karriere zum Professor der Mathematik und zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften brachte. Sowohl Prändel als auch J.A.Daisenberger sind in der Bayerischen Biografie von Prof. Bosl, die berühmte Bayern aufführt, erwähnt. Über das Leben der Familie Daisenberger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist ein Buch mit dem Titel "Chronik eines Bauernlebens vor 200 Jahren" erschienen. Es kann im Ort erworben werden.

Dem Daisenbergerhof gegenüber (Im Winkel 2) wurden einige Jahre nach der Aufhebung des Klosters Ettal im Jahre 1803 die Oberauer Schulkinder vom "letzten Ettaler Mönch", Pater Othmar Weis unterrichtet. Weis hat den heutigen Oberammergauer Passionsspieltext verfasst und war ein Förderer des Geistlichen Rats Daisenbergers.

Wenn wir die Hauptstraße in Richtung Bundesstraße gehen, treffen wir auf das Hotel zur Post,ein Gasthaus mit jahrhundertelanger Tradition.

Die Besitzer waren Jäger im Dienste des Klosters Ettals. Die Großmutter des Dichters Ludwig Thoma stammt aus diesem Anwesen. In der Gaststube des Hotels hängt das Modell eines mit Gipsfässern beladenen Loisachfloßes, eine Erinnerung an die einstmals blühende "Floßfahrende Gesellschaft" von Oberau, die den im Dorf gebrochenen und gebrannten Gips loisach- und isarabwärts führte.
An die 12 Gipsmühlen, die einmal im Ort vom Gießenbach angetrieben wurden, erinnert heute leider nur noch ein Fresko an der Hauptschule (Schulstraße 4, Front zum Schmiedeweg).
Vor dem Hotel zur Post gehen wir nun rechts weiter über den Bahnhofsplatz vorbei am Postamt und ein Stück entlang der Bahnlinie (Mautstraße) in die Werdenfelserstraße bis wir zum Haus Nr. 22 kommen. Dieses Gebäude war bis zur Aufhebung der kurbayerisch-werdenfelsischen Grenze im Jahre 1802 der Sitz des Maut- und Holzcontrouleuramts Oberau. Die Grenze zur Grafschaft Werdenfels verlief zwar weiter südlich des Ortes , die Zölle wurden aber hier an der Zollschranke erhoben. Hier war auch eine berittene Grenzstreife stationiert, die auf Schmuggler zu achten hatte.
Wir setzen unseren kleinen historischen Spaziergang fort, indem wir die Werdenfelserstraße wieder etwas zurückgehen und den Bahnübergang benutzen. Nach dem Bahnübergang wenden wir uns nach rechts der Loisachbrücke zu.
Kurz vor der Loisachbrücke sehen wir eine kleine Kapelle, die dem hl. Nepomuk geweiht ist. Die Oberauer "Floßfahrende Gesellschaft" hat diese Kapelle im 19. Jahrhundert , ganz in der Nähe ihres Holzlagerplatzes, errichtet. Bevor die Flößer ihre gefährliche Fahrt begannen, verrichteten sie hier nochmals ein Gebet.

Wir überschreiten die Loisachbrücke und wählen den Fußweg nach rechts, der nach Farchant führt. (Über den Weg, der geradeaus führt, vorbei an der uralten Schwaige Buchwies, die wir am Fuß des Rißkopfs sehen, sind mehrere Jahrhunderte die Planwagen der Augsburger Kaufleute, die von Venedig kamen, gefahren.)

Auf dem Weg nach Farchant gelangen wir nach etwa 1000 m in ein kleines Waldstück. Östlich dieses Waldstücks, mitten im Golfplatz, sehen wir eine Bodenerhebung in der Wiese, eine alte Schanze, die zur Verteidigung gegen die Österreicher zu Beginn des 18. Jahrhunderts aufgeworfen worden war. Über der Wiese erhebt sich eine steile Felswand, die Röhrlerwand, ein wichtiger Punkt der früheren, immer wieder heftig umstrittenen kurbayerisch-werdenfelsischen Grenze.

Im Süden dieses markanten Punktes war fast 500 Jahre lang das Land des Bischofs von Freising, eines "europäischen Kleinstaates", der nicht nur eine eigene Gesetzgebung und eine eigene Währung hatte, sondern auch eine eigene Außenpolitik. Die "Freisinger" verhielten sich in Kriegszeiten im Gegensatz zu den bayerischen Nachbarn meist neutral.

Die Schanze, die sich früher quer durch das ganze Tal zog, ist heute nur noch an einigen Stellen zu sehen. Der Schanzweg verläuft direkt auf dem historischen Bauwerk.

Vor den Befestigungen tobte im Spanischen Erbfolgekrieg am 27. August 1703 ein mehrstündiges blutiges Gefecht zwischen Tirolern und Bayern. Die Bayern unterlagen schließlich einer starken Übermacht. Der verlorene Kampf brachte viel Leid über Oberau und die ganze Gegend.

Eine zweite, heute kaum mehr sichtbare Schanze war bereits im Dreißigjährigen Krieg zum Schutze vor den Schweden errichtet worden.

Einen zweiten historischen Gang beginnen wir bei der heutigen Pfarrkirche St. Ludwig.

Die Kirche, die in ihrer jetzigen Form aus dem Jahre 1938 stammt, spricht zwar die meisten Besucher und Gläubigen wenig an, enthält aber in ihrem Inneren ein sehenswertes Gemälde des Hl. Ludwig, das der Pfarrgemeinde vom "Märchenkönig" Ludwig II. geschenkt wurde und schöne, vom Prinzregenten Luitpold gestiftete Glasfenster.

Wir gehen über die Bundesstraße 23 und benutzen einen der beiden Wege zur St. Georgskirche auf dem Kirchbichl. Bis zum Jahre 1875 war diese kleine Kirche, die bereits 1315 urkundlich erwähnt wird, aber schon im 8. Jahrhundert errichtet worden war, das Gotteshaus der Oberauer. Sie gehört zu den ältesten Sakralbauten der Gegend.

St. Georg, das in seiner heutigen baulichen Form aus dem Jahre 1664 stammt, wurde in den 80er Jahren gründlich renoviert. Das Deckengemälde in diesem schlichten Barockbau stammt von dem "Lüftlmaler" Franz Seraph Zwinck, ebenso ein sehr sehenswerter, gemalter Kreuzweg.

Der Bergfriedhof gehört wohl zu den schönsten Friedhöfen Oberbayerns. Ein Teil des Gottesackers soll früher von einer Burg eingenommen worden sein. Die Sage erzählt, dass sie einem reichen Grafen gehört hat, der in einem Kreuzzug gefallen ist. Seine Söhne sollen, weil sie mit dem Schwert den Kampf ums Erbe ausgetragen haben, von einer alten Frau verflucht worden sein. Seitdem müssen sie als Geister auf alle Ewigkeit miteinander kämpfen.

Von St. Georg aus benutzen wir den Kreuzweg ins Tal hinunter und gehen der Straße nach Oberammergau entlang zum Ortsende. Beim Wirtshaus Untermberg biegen wir in die Alte Ettaler Straße ein. Fast am Ende des flachen Wegstücks (Hausnr. 35) steht auf der linken Seite ein Gebäude, in dem seit 1683 zunächst für das Kloster Ettal Brot gebacken wurde. Später wurde es dann ein Wirtshaus. Hier kehrten die Fuhrleute nochmals ein oder übernachteten, bevor sie den steilen Kienbergweg mit ihren Wägen angingen. Auch in diesem Haus lebten über mehrere Generationen Vorfahren Ludwig Thomas.

Auf den Spuren von Königen, Fürsten und Martin Luther

Die heutige Alte Ettaler Straße, die ein schöner Spazierweg zum Kloster Ettal ist, stammt aus dem Jahre 1629. Die Älteste Ettaler Straße (Schilder Kienbergweg), die bei den Fuhrleuten besonders gefürchtet war, ist ebenfalls noch gut erhalten. Sie führt den Gießenbach entlang durch ein enges Waldtal und steigt erst später steil nach rechts an, um dann nach zwei Kehren in die Alte Straße einzumünden. Vier Schautafeln informieren über die interessante Geschichte der zwei Wege.

Die älteste Straße, viele Jahrhunderte nur ein Saumpfad, wurde, wie neueste Ausgrabungen bei Oberammergau zeigen, mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits von Teilen der IX. Legion begangen, die später in der Schlacht im Teutoburger Wald (Kalkriese bei Osnabrück) vernichtend geschlagen wurde. Auch die etwas weniger steile, neuere, seit 1629 bestehende Trasse flößte den Reisenden vergangener Jahrhunderte noch großen Respekt ein. In alten Reiseberichten ist von "Höllenfahrt" und "schaurigem Anstieg" die Rede.

Auf beiden Trassen wandern wir auf den Spuren von Königen und Fürsten, die viele Jahrhunderte lang mit ihren Heeren oder den Angehörigen ihres Hofes über diese Wege gezogen sind. Über die älteste Ettaler Straße ist im März 1511 auch der spätere Reformator Martin Luther auf der Rückkehr von Rom wieder in seine Heimat gewandert.

Auch die reitenden Boten der reichen Augsburger Kaufmannschaft und die Beauftragten der Fugger mußten mit ihren eiligen Nachrichten und ihrer Fracht den Kienbergweg passieren. Die Fuhrleute, die z.T. aus Venedig kamen und weiter nach Augsburg zogen, brauchten wegen der großen Steilheit die Pferde der Oberauer zum Vorspann. Die Oberauer Bauern waren auch verpflichtet, die umfangreichen Weinfuhren des Klosters den Berg hinaufzuziehen.

Berüchtigt war vor allem der noch gut erhaltene untere Wendeplatz der Ältesten Straße, an dem die Fuhrwerke um 180 Grad gewendet werden mussten. Aus alten Quellen wissen wir, daß die Fuhrleute sich schon in der Lagunenstadt darüber Gedanken machten, wie sie wohl die Kienbergstraße hinaufkommen würden.

Am Wendeplatz steht heute ein Kreuz mit einem Votivbild. Sie sollen an eine Kapelle, die im 17. und 18. Jahrhundert dort stand und seinen Stifter erinnern.

Wenn Sie noch mehr über die Geschichte von Oberau wissen wollen, können Sie das Buch "Das Goldene Au. Eine Oberauer Chronik mit Bildern" erwerben. Inzwischen wurde auch das Buch "Geschichte der Ettaler Bergstraße" neu aufgelegt. Es enthält auch zahlreiche Illustrationen. Sehr zu empfehlen ist auch das Buch "Chronik eines Bauernlebens vor 200 Jahren". Die Bücher sind im Verkehrsamt erhältlich.

Text: Heinz Schelle

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